Thiel solo

Das 15. Türchen

Dies ist mein Beitrag am 15. Dezember zu cricri_72's Adventskalender.


Titel: Türchen für Türchen
Inhalt: Boerne bringt ein bisschen Weihnachtsstimmung in Thiels Leben.
Länge: ca. 2600 Wörter
Genre: Humor, Freundschaft, h/c
Rechtserklärung: Thiel und Boerne gehören dem WDR. Ich habe sie mir nur mal kurz ausgeliehen.

Herzlichen Dank an notcolourblind für's Betalesen!



Türchen für Türchen


Thiel war gerade aus seiner Wohnungstür getreten, als er zwei Weihnachtsbäume die Treppe herauf kommen sah. Über ihren Spitzen lugte ein dunkler Haarschopf, der nur Boerne gehören konnte. Schnell wandte sich Thiel ab, um wieder in seine Wohnung zurückzukehren, aber es war zu spät.

„Könnten Sie mal …?”, fragte Boerne und wackelte mit der linken Tanne.

„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder?”, antwortete Thiel, dem Böses schwante, aber er griff trotzdem nach einem der Bäume.

Boerne erklomm die letzte Stufe. Er blieb mit einem erleichterten Seufzer neben Thiel stehen und schlackerte seinen linken Arm, wohl um einen Krampf zu lösen.

Dann lachte er fröhlich. „Doch, doch. Sie vermuten ganz richtig, mein lieber Thiel. Eine Tanne ist natürlich für Sie. Schauen Sie mal, wie gerade die gewachsen sind.”

Thiel stieß ebenfalls einen Seufzer aus, allerdings einen resignierten. „Heute ist erst der zwölfte. Wo soll ich denn damit so lange hin?”

„Na, auf Ihren Balkon natürlich.”

„Auf Ihren vielleicht, aber meiner ist doch viel kleiner. Hätten Sie nicht einfach noch ein paar Tage warten können, wenn Sie denn überhaupt einen Baum für mich mit kaufen mussten?”

Boerne warf Thiel einen Blick zu, der offensichtlich deutlich machen sollte, wie wenig er vom Kauf eines Weihnachtsbaums verstand. „Natürlich nicht, Thiel. Ich musste die Bäume jetzt schon kaufen, denn in ein paar Tagen sind die schönsten alle weg, und ich würde Ihnen doch nie einen ungefälligen Baum schenken.”

Thiel nickte ergeben. Es hatte ja doch keinen Sinn, sich Boerne zu widersetzen.

„Schönen Dank dann also”, murmelte er, schloss seine Wohnungstür wieder auf und hievte den Baum durch die Wohnung auf seinen Balkon.

Als er in den Hausflur zurückkam, stand dort noch immer Boerne mit seinem eigenen Baum. „Und, haben Sie ihn auf den Balkon gestellt?”

„Hmm, hmm.”

„Ich hatte also recht, dass er dort bis zum Heiligen Abend gut aufgehoben ist, oder?”

„Ja ja, Sie hatten natürlich recht.” Thiel sah Boerne an, der ein zufriedenes Lächeln aufgesetzt hatte. Damit hatte er Thiels Blutdruck schon immer in die Höhe schnellen lassen können, und es war dieses Mal nicht anders. „So, Boerne, und jetzt will ich endlich wissen, was das Ganze eigentlich werden soll, wenn's fertig ist.”

„Was meinen Sie?”

„Sie wissen genau, was ich meine. Seit Tagen finde ich auf meiner Fußmatte oder auf meinem Schreibtisch Geschenke. Oder Sie drücken sie mir direkt in die Hand. Was soll das, Boerne?”

Boerne lächelte immer noch. „Ich wollte Ihnen einfach eine kleine Freude bereiten.”

„Eine kleine Freude? Soll ich mal aufzählen, was da bisher zusammengekommen ist?” Thiel merkte, wie er sich in Rage redete. „Da waren die Honigkerze, die Lebkuchen, das Räuchermännchen, die Ausstechform für Vanillekipferl, das Marzipanbrot, der Schokoladennikolaus, das Fensterbild, der Stoffelch, der Weihnachtsbecher, die Tüte Spekulatius und jetzt auch noch der Weihnachtsbaum.”

„Sie haben die Schneekugel mit dem Weihnachtseisbären vergessen”, sagte Boerne scheinbar völlig ungerührt.

Natürlich hatte Boerne recht. Schon wieder.

Was Thiel allerdings viel mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass er sich die anderen elf Geschenke tatsächlich alle gemerkt hatte. Dabei hatte er bisher weder die Kerze angezündet noch vom Marzipanbrot genascht noch aus dem Becher getrunken.

Er war einfach nicht der weihnachtliche Typ.

Stattdessen hatte er alle Geschenke in einen großen Karton gepackt und in einer Ecke seines Schlafzimmers verstaut. Allerdings war da schon vorher kaum noch Platz gewesen.

Daher fragte er: „Und wie lange soll das bitte so weitergehen?”

„Na, bis zum 24. Dezember natürlich.”

„Bis zum …? Herrje, jetzt sagen Sie nicht, das ist so eine Art Adventskalender?”

Boerne guckte ihn erstaunt an. „Aber natürlich. Was dachten Sie denn?”

Thiel wurde rot. Eigentlich hatte er sich gar nichts gedacht, sondern die unerwartete Geschenkeflut als eine von Boernes Exzentrizitäten abgetan. „Äh ...”

„Ich sehe schon, eloquent wie immer, Thiel. Naja, ich muss dann auch mal. In der Musikhochschule gibt es heute die Waldstein-Sonate, und ich muss mich noch umziehen.”

Mit diesen Worten verschwand Boerne samt Weihnachtsbaum in seiner Wohnung, wohingegen Thiel noch für einen Moment auf dem Treppenabsatz verharrte, bevor er endlich aus dem Haus ging.


* * *


Es war der 15. Dezember, und Thiel hob eine Packung Lametta von seiner Fußmatte auf. In den letzten drei Tagen war Boerne dazu übergegangen, ihm Christbaumschmuck zu schenken.

Thiel kehrte in sein Wohnzimmer zurück und legte das Päckchen zu den roten Wachskerzen und den Kerzenhaltern.

Er sah sich in dem Raum um. Die Honigkerze und das Räuchermännchen standen auf dem Tisch, das Fensterbild baumelte vom Fenstersturz, und die Schneekugel hatte einen Platz auf seinem kleinen Bücherregal gefunden. Die Süßigkeiten hatte er ebenfalls als Dekoration im Zimmer verteilt. Nur die Packung Spekulatius hatte er bereits angebrochen, sodass sie nun einen leicht würzigen Duft verströmte.

Thiel nickte zufrieden. Das Wohnzimmer wirkte so zweifellos behaglicher, jetzt in der dunklen Jahreszeit, und es war schön gewesen, am Vorabend nach Dienstschluss nach Hause zu kommen, die Kerze anzuzünden und vorm Fernseher eine heiße Tasse Kakao aus seinem neuen Weihnachtsbecher zu genießen.

Das hatte er lange nicht mehr gemacht. Noch nie, seit Susanne ihn mit Lukas verlassen hatte, wenn er es sich recht überlegte. Irgendwie war ihm seitdem der Sinn für Weihnachten abhanden gekommen.

Aber das war neun Jahre her, und es war höchste Zeit, dass er wieder in die richtige Stimmung kam. Er hatte sogar schon angefangen zu überlegen, was er an den Feiertagen kochen würde. Weihnachtskarpfen vielleicht oder eine Weihnachtsgans nach norddeutscher Art – wie sie seine Mutter früher zubereitet hatte.

Thiel warf einen letzten Blick auf seine Dekoration, bevor er Schuhe und Jacke anzog.

Boerne und seine verrückten Einfälle. Aber er hatte wieder recht gehabt.

Thiel lächelte. Es war nur irgendwie komisch, dass ausgerechnet Boerne, den er so gar nicht als Verfechter der Weihnachtsstimmung eingeschätzt hatte, dafür sorgte, dass Thiel sich mittlerweile tatsächlich auf das Fest freute.


* * *


Am 18. Dezember folgte auf Packungen mit Christbaumkugeln und Holzfigürchen eine Weihnachts-CD, die er vorfand, als er an seinem Schreibtisch Platz nahm.

Thiel schluckte, als er das Bild auf der Hülle erblickte. Tränen schossen ihm in die Augen, und er drehte sich schnell weg, damit keiner der Kollegen nebenan im Großraumbüro ihn so sah.

Es war die gleiche CD, die er immer zusammen mit Lukas angehört hatte, und dann hatten sie beide lauthals und völlig schief „Morgen, Kinder, wird’s was geben” mitgesungen.

Er legte die CD in seine Schreibtischschublade und fuhr sich mit der Hand über die Augen.

Jetzt wusste er wieder, warum er Weihnachten die letzten Jahre ignoriert hatte. Natürlich waren ein dekoriertes Wohnzimmer und ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum eigentlich etwas Schönes, aber wenn man allein feiern musste, konnten sie einen auch in eine sehr melancholische Stimmung versetzen.

Aber was sprach denn eigentlich dagegen, diesen Heiligen Abend genau so zu verbringen wie die in den Jahren zuvor? Er würde „Stirb langsam” gucken, ein oder zwei oder drei Bier trinken, und wie immer würde er sich eine Gourmet-Tiefkühlpizza warm machen.

Karpfen oder Gans.

Er lachte laut auf, stoppte aber sofort, als er sich daran erinnerte, dass er in seinem Büro saß. Er blickte durch die Glasscheibe ins Großraumbüro, aber keiner der Kollegen dort schien sich um ihn zu kümmern.

„Karpfen oder Gans”, murmelte er. Das war sowieso eine bescheuerte Idee gewesen. Die Gerichte waren viel zu viel für ihn allein, und er konnte wohl kaum eine Woche lang dasselbe essen.

Das mit dem Weihnachtsbaum würde er sich auch noch einmal überlegen. So ein Ding machte nur viel Arbeit, nadelte wie verrückt, und hinterher saß man ja doch nicht davor und guckte ihn sich an. Da konnte ihm Boerne noch so schönen Christbaumschmuck schenken.

Natürlich würde es ihm nie gelingen, es vor Boerne zu verheimlichen, wenn er den Baum nicht aufstellte. Boerne würde wahrscheinlich wissen wollen, wie sich die Tanne in seinem Wohnzimmer machte. Er würde sich selbst einladen, um einen Blick darauf zu werfen, und wenn Thiel ihm den Zutritt verweigerte, würde Boerne sich ganz sicher auf der anderen Straßenseite postieren und nach dem Lichtschein in Thiels Wohnzimmer Ausschau halten.

Thiel seufzte. Nachdem er den Baum und die übrigen Geschenke akzeptiert hatte, gab es nun kein Zurück mehr.

Es sah ja auch wirklich immer sehr anheimelnd aus, wenn man von draußen einen Blick auf geschmückte Fenster und dekorierte Zimmer erhaschen konnte.

Vielleicht hatte Boerne ja doch recht.

Thiel seufzte noch einmal.

Also gut, er würde zwar auf Karpfen oder Gans verzichten, aber er würde sich ein leckeres Mahl zubereiten. Er würde den Baum dekorieren, die Kerzen anzünden und einen schönen Heiligen Abend verbringen.

Und um sich für den Vierundzwanzigsten schon einmal in die richtige Stimmung zu bringen, würde er an diesem Abend, wenn er nach dem Dienst nach Hause kam, sein neues Räuchermännchen einweihen und sich ein Stück vom Marzipanbrot gönnen.


* * *


Am vorletzten Tag vor Heilig Abend hatte Thiel weder ein Adventsgeschenk auf seiner Fußmatte noch auf seinem Schreibtisch vorgefunden. Daher wusste er, dass Boerne in seinem Büro vorbei kommen würde, um ihn sein Geschenk zu geben.

Jetzt war es allerdings schon fast Mittagszeit, und obwohl Thiel den ganzen Vormittag am Schreibtisch gesessen hatte, war Boerne noch nicht da gewesen. Vielleicht waren ihm die Ideen ausgegangen. Das wäre wahrscheinlich nicht das Schlechteste.

Am Vortag hatte ihm Boerne eine Tüte mit gebrannten Mandeln geschenkt, die er abends vor dem Fernseher aufgegessen hatte. Von Genuss konnte da wahrhaftig keine Rede sein. Das war eher Frustessen gewesen, wie Thiel sich eingestehen musste. Denn so sehr er sich auch bemühte, wollte es ihm einfach nicht gelingen, sich aufrichtig auf Weihnachten zu freuen.

Wenn er morgens aufstand oder abends nach Hause kam und seine dekorierte Wohnung sah, erfreute er sich jedes Mal für einen kurzen Moment daran, bis ihm wieder einfiel, dass er Heilig Abend und die Weihnachtstage allein verbringen würde.

Nichtsdestotrotz hatte er beim Metzger einen kleinen Rinderbraten bestellt und sich auch schon überlegt, welche Beilagen er noch besorgen musste.

Es klopfte, und schon im selben Moment wurde seine Bürotür aufgerissen.

„Thiel”, rief Boerne, als er hereinkam. „Wie schön, dass Sie da sind. Dann kann ich Ihnen Ihr Adventsgeschenk ja persönlich geben.” Boerne stellte eine bunte Papiertüte auf den Tisch, die ohne Zweifel eine Flasche enthielt.

Thiel zog die Kordel der Tüte auf, sodass er einen Blick auf die Flasche werfen konnte. „Glühwein?”

„Ich dachte, der bringt noch ein bisschen mehr Weihnachtsstimmung in Ihre Wohnung.”

„Danke”, brummte Thiel und zog die Kordel wieder zu.

Boerne beäugte ihn. „Sieht so aus, als ob es heute mehr brauchte als Glühwein, um Sie in Stimmung zu versetzen.”

Thiel warf ihm einen bösen Blick zu. „Ganz genau. Und ich wollte Ihnen schon seit Tagen sagen, dass Sie doch nicht recht haben.”

„Womit habe ich nicht recht?” Boerne guckte ihn an, als ob er das nicht oft zu hören bekäme.

„Mit Weihnachten natürlich.”

„Wie bitte?”

„Sie reden von Stimmung und machen mir die ganzen Geschenke, aber das nützt ja alles nichts, wenn das … wenn das Wichtigste fehlt.”

Boerne guckte ihn mit einer verdächtig ausdruckslosen Miene an, und Thiel fühlte sich plötzlich unbehaglich. So offen hatte er Boerne gegenüber gar nicht sein wollen. Glücklicherweise hakte Boerne nicht weiter nach, und um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, fragte Thiel: „Was ist eigentlich mit Ihrer Wohnung? Haben Sie denn dekoriert?”

„Selbstverständlich. Meine Mutter hat mir ihre Weihnachts-Porzellansammlung vermacht. Sie wissen schon – Glocken, Kugeln und Zapfen. Einiges hängt bereits, und morgen werde ich meinen Baum aufstellen und ihn auch damit schmücken.”

„Wie hübsch”, murmelte Thiel und unterdrückte ein Schaudern. Da konnte er ja froh sein, dass Boerne ihm stattdessen kleine bemalte Holzfigürchen als Christbaumschmuck geschenkt hatte. Mit denen würde sein eigener Weihnachtsbaum sicherlich viel schöner aussehen.


* * *


Thiel hatte vergessen, wie stressig und anstrengend die Vorbereitungen für Heilig Abend stets waren. Nachdem er vormittags unterwegs gewesen war, um ein paar letzte Lebensmittel für die kommenden Tage einzukaufen, hatte er die nächsten zwei Stunden damit zugebracht, die widerspenstige Tanne in den Baumständer zu zwingen und anschließend zu schmücken.

Jetzt hingen bunte Glaskugeln daran, in denen sich das Lametta spiegelte; Engel, Schlitten und Geschenkpakete aus Holz baumelten von den Zweigen herab, und rote Kerzen steckten in ihren Halterungen. Als letztes hatte er die silberfarbene Christbaumspitze darauf gesetzt, die er am Morgen vor seiner Wohnungstür gefunden hatte.

Die Weihnachts-CD lag auf dem Wohnzimmertisch, aber er war sich nicht sicher, ob er bereit sein würde, sie anzuhören. Man musste ja schließlich auch nicht übertreiben.

Nun stand Thiel in der Küche am Herd und legte letzte Hand an sein Festmahl. Der Braten brutzelte schon seit geraumer Zeit im Ofen, der Blumenkohl musste nur noch einige Minuten garen, und die Kartoffelklöße hatte er soeben ins Kochwasser gegeben.

Er nahm gerade Teller und Besteck aus dem Schrank, als es an seiner Tür klingelte.

Normalerweise konnte das ja nur einer sein, aber an Heilig Abend würde Boerne doch wohl nicht ...

„Thiel”, sagte Boerne zur Begrüßung, als er ihm öffnete, und fuhr mit einem Blick auf Thiels umgebundene Schürze fort, „Ich hoffe, ich störe nicht.” Ohne eine Antwort abzuwarten, schloss er die Wohnungstür hinter sich und marschierte in Richtung Wohnzimmer.

Doch bevor Thiel ihn stoppen konnte, drang ein Klingeln aus der Küche, und Thiel stürzte zum Herd. Als er zurückkehrte, stand Boerne schon mitten in seinem Wohnzimmer und sah sich um.

„Also ich muss sagen, Thiel, richtig gemütlich haben Sie es sich hier gemacht.”

„Äh, danke. Das war ja nun wohl eher Ihr Verdienst”, murmelte Thiel, dem mit einem Mal peinlich bewusst wurde, dass er sage und schreibe 24 Geschenke von Boerne angenommen hatte, ohne sich auch nur im geringsten zu revanchieren.

„Ach was, gar nicht”, wehrte Boerne ab.

Sie standen sich schweigend gegenüber, und Thiel vergrub seine Hände in den Taschen seiner Schürze. Er hatte den Eindruck, dass er noch etwas sagen sollte, aber ihm fiel partout nichts ein.

Andererseits sah Boerne auch nicht so aus, als ob er irgendeine Äußerung von Thiel erwartete. Stattdessen begann er, sich genauer im Wohnzimmer umzusehen und Thiels Dekoration zu betrachten, als ob er etwas suchte.

„Wo ist denn der Stoffelch?” fragte er schließlich. „Hat er Ihnen etwa nicht gefallen?”

„Doch, doch.”

„Und wo ist er dann?”

Thiel spürte, wie er rot wurde, und machte einen Schritt Richtung Küche. „Ich glaube, ich muss mal nach meinem Braten sehen.”

„Ihre Küchenuhr hat noch gar nicht wieder geklingelt”, bemerkte Boerne, und Thiel konnte ihm ansehen, wie er sich über sein Unbehagen amüsierte. „Also?”

„In meinem Schlafzimmer. Auf dem Nachttisch”, gab Thiel klein bei und machte sich auf ein unbändiges Lachen von Boerne gefasst.

Stattdessen umspielte allerdings nur ein leichtes Lächeln Boernes Lippen.

Wieder sahen sie sich einige Momente stumm an, und Thiel hatte den Eindruck, als ob sie einander vollkommen verstehen würden.

„Ich habe da eine Idee, Thiel”, brach Boerne letztlich das Schweigen.

„Ach ja?”

„Heute essen wir zusammen bei Ihnen, und morgen Abend lade ich Sie zu mir ein. Wie wär's?”

Ein lautes Klingeln aus der Küche bewahrte Thiel davor, eine Antwort geben zu müssen. Aber als er das Wohnzimmer verließ, sah er aus den Augenwinkeln, wie Boerne auf den Weihnachtsbaum zuging. „Ich zünde schon mal die Kerzen an.”

In der Küche holte Thiel einen zweiten Teller und ein weiteres Besteck aus dem Schrank. Sein Festmahl würde sicherlich auch für zwei reichen.
  • Current Mood: accomplished accomplished
Einfach eine wunderschöne Geschichte, ich bin ganz hin und weg...
Und ich musste gleich beim allerersten Satz laut lachen über die Formulierung "als er zwei Weihnachtsbäume die Treppe herauf kommen sah" ;-)

Was Thiel allerdings viel mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass er sich die anderen elf Geschenke tatsächlich alle gemerkt hatte.
Bei seiner Aufzählung war ich auch schwer beeindruckt :) offenbar haben Boernes Geschenke bei ihm ja doch einen tieferen Eindruck hinterlassen...

Er würde „Stirb langsam” gucken, ein oder zwei oder drei Bier trinken, und wie immer würde er sich eine Gourmet-Tiefkühlpizza warm machen.
*lach* Ich bin auch so jemand, der sich (zum Entsetzen meiner Mutter) an Weihnachten gern solche Filme anschaut... und "Gourmet-Tiefkühlpizza" ist ein netter Widerspruch in sich :)

„Womit habe ich nicht recht?” Boerne guckte ihn an, als ob er das nicht oft zu hören bekäme.
Natürlich nicht, wozu ist man denn Karl-Friedrich Boerne *g* Sehr IC!

Außerdem finde ich die Stelle mit der CD und die mit dem Stoffelch auf dem Nachttisch richtig rührend (also das ist positiv gemeint^^)... so eine leichte Melancholie zu Weihnachten passt einfach super zu Thiel.
Und ich freue mich, dass die beiden am Ende doch "zueinander" gefunden haben und die Feiertage nicht jeweils allein verbringen :)
Vielen Dank!

Ich habe "Stirb langsam" auch schon an Weihnachten geguckt - nicht an Heilig Abend, aber am ersten oder zweiten Feiertag. Es gibt ja einen Grund, warum er dann immer im Fernsehen läuft. ;)

so eine leichte Melancholie zu Weihnachten passt einfach super zu Thiel.

Und wohl auch zu mir. Ein nette, heitere Weihnachtsgeschichte kriege ich anscheinend einfach nicht hin.
Ist ja lieb, wie Boerne sich mit den Geschenken solche Mühe gibt. Gemeinsam essen - und dann vielleicht mehr? Die Weihnachtsstimmung stieg bei mir schon direkt beim Lesen an. Danke!
Danke schön!

und dann vielleicht mehr?

Ich glaube, das würde den beiden in diesem Fall doch ein bisschen zu schnell gehen. Aber vielleicht in ein paar Monaten ...
Du weisst ja schon, dass mit die Geschichte gut gefällt. :-)
Thiel ist hier einfach so liebenswert und es sind die kleinen Details wie 'Stirb langsam' und die 'Gourmet-Tiefkühlpizza', nicht irgendeine Tiefkühlpizza, nein eine Gourmet-Tiefkühlpizza :-), die die Geschichte so lebendig machen.
nicht irgendeine Tiefkühlpizza, nein eine Gourmet-Tiefkühlpizza

Immerhin ist ja Weihnachten. Da darf's dann schon etwas Besonderes für Thiel sein, auch wenn er sonst zum Weihnachtsmuffel geworden ist. ;)

Nochmals vielen Dank!
Schön zu merken dass Boerne sich ein bisschen um Thiel kümmert, aber ich kann mir denken dass ihm auch seine Familie fehlt. Weihnachten ist doch ein Fest dass man mit seiner Familie feiert und wenn ich mich recht erinnere, hat Boerne nur noch eine Schwester.

Eine Stimmugsvolle Geschichte, schön zu sehen wie Thiel's Stimmung sich ein wenig verändert mit Hilfe von Boerne's Bemühungen.
Danke für's Lesen und Kommentieren. :)

Man erfährt ja von beiden Familien nur sehr wenig. Boernes Mutter ist mit einem Mal tot, und Thiel scheint nie eine gehabt zu haben. Und Boernes Schwester wird nur erwähnt, oder? Stattdessen kommt ja die Nichte.
Das stimmt ja auch nicht ganz. Herbert erwähnt mal so etwas wie "Das hat der Junge nicht von mir, sondern von seiner Mutter", aber Thiel selbst erwähnt sie nie.
Oh, kommt das tatsächlich im Original vor? Ich hätte jetzt Stein und Bein geschworen, daß der Satz von mir war ;) ...aber so originell ist der Witz ja auch wieder nicht, daß nicht mehrere drauf kommen könnten, Herbert so was sagen zu lassen.

Ich habe auch gegrübelt, ob Thiels Mutter mal erwähnt wird. Irgendwie wird in der ersten Folge oder in den ersten Folgen zumindest klar, daß Thiels Eltern sich getrennt haben und er bei seiner Mutter aufgewachsen ist. Und ich bin immer davon ausgegangen, daß sie schon nicht mehr lebt, als er nach Münster zieht.

In der Folge, in der sie [T & B natürlich ...] zusammen Fisch braten, sagt Thiel "Meine Mutter machte einen hervorragende Gurkensalat", fällt mir da gerade noch ein ... Aber meinst Du, ich kann das auf die Schnelle dem richtigen Tatort zuordnen? Ha - "Sag' nichts" war's :)

So habe ich den Satz auch noch nicht gefunden. Vielleicht ist er tatsächlich von Dir. :) Ich werde mal noch weiter recherchieren.

Aber in "Der blinde Fleck" (ca. 1:05:30) sprechen Thiel und Herbert über ihre "Familiengeschichte". Zum einen sagt Herbert: "Das könntest du genauso gut deine Mutter fragen, aber das geht ja jetzt leider nicht mehr." Und er sagt: "Wahrscheinlich habe ich auch gehofft, der verlorenen Sohn hat ein bisschen was von mir."

In Folge 1 ist die Mutter also tot, aber in "Sag nichts", woran ich mich gar nicht mehr erinnern konnte, sagt Thiel: "Meine Mutter macht hervorragenden Gurkensalat". Ich habe extra noch mal nachgehört. Er benutzt das Präsens.
Vielleicht ist er tatsächlich von Dir. :)
Das sind die höchsten Weihen für ff-schreiberinnen: mit dem Original verwechselt zu werden :D
Aber es ist gut möglich, daß der Satz doch schon mal in einem Tatort gefallen ist; ist ja jetzt ein bißchen schwierig, alle daraufhin durchzusehen ...

Das Präsens in Sag nichts ist ja merkwürdig. Vielleicht ein Sprechfehler, der niemandem aufgefallen ist? Ansonsten ein grober Schnitzer im Drehbuch, was allerdings vermutlich auch niemandem aufgefallen ist ...
Ich habe mir gestern noch drei, vier Folgen, bei denen ich meinte, da könnte der Satz vorkommen, im Schnellsuchlauf angeguckt, aber ich konnte ihn nicht finden. Also warst Du es wohl wirklich :)

Naja, da sind noch andere Schnitzer in den Drehbüchern. So sagt Thiel in "Fakten, Fakten", dass sein Sohn im Känguruhland wohnen würde.
Schöne Geschichte! Ich lese sie jetzt schon zum dritten oder vierten Mal, entdecke immer noch was neues und freue mich jedesmal wieder über das Happy End :)

Eigentlich wäre die ja auch was für den 24. gewesen ... Aber nun gut, jetzt müßt Ihr zu Heiligabend mit meinem Text vorlieb nehmen - oder diesen eben nochmal lesen :D

Eigentlich ist der Text ja eher beschaulich als komisch, aber trotzdem hattest Du meinen ersten lacher schon mit:
„Könnten Sie mal …?”, fragte Boerne und wackelte mit der linken Tanne.
Wennn ich mir das optisch vorstelle, ist das gar nicht sooo absurd - aber die Formulierung ist schon sehr komisch :)

Daß Boerne natülich den perfekten Baum kaufen muß (oder was er dafür hält), war ja klar; und daß Thiel die ganzen Geschenek erst mal gottergeben nimmt, ohne sich weiter Gedanken macht, was es damit auf sich hat, fand ich auch ziemlich lustig. Sehr IC auch dieser Satz ziemlich am Ende:
... dem mit einem Mal peinlich bewusst wurde, dass er sage und schreibe 24 Geschenke von Boerne angenommen hatte, ohne sich auch nur im geringsten zu revanchieren.

Lacher 2 und 3 bekamen dann übrigens der Stoffelch - so einen habe ich auch ... war mal für einen kleinen Neffen, aber dann konnte ich ihn nicht weggeben uns so sitzt nun ein auberginfarbener Ministoffelch auf meinem ... Nachttisch ;) - und die Schneekugel mit Weihnachtseisbär *kicher*

Wie Thiels Stimmung in der Mitte kippt, nach der CD, das kam sehr anschaulich rüber. Ich kenne das Gefühl, wenn man sich auf etwas gefreut hat, und dann kommt etwas dazwischen, die Stimmung kippt, und man kommt sich blöd vor, daß man so etwas überhaupt vorgehabt hatte - "Gans oder Karpfen".

Das ist jetzt zwar etwas off topic, und ich denke auch, so hast Du das nicht gemeint, aber bei
Boerne beäugte ihn. „Sieht so aus, als ob es heute mehr brauchte als Glühwein, um Sie in Stimmung zu versetzen.”
gingen mir doch andere Gedanken durch den Kopf *grin* Egal ob Absicht oder nicht, das hat mich wieder etwas aus der trüben Stimmung (bzw. Thiels trüber Stimmung) gerissen.

„Womit habe ich nicht recht?” Boerne guckte ihn an, als ob er das nicht oft zu hören bekäme.
-> fanden ja wohl mehrere sehr IC :) Ein völlig unverständlicher Gedanke für Boerne. Thiels Eingeständnis und Boernes Reaktion finde ich sehr schön geschrieben, nicht zu kitschig, nicht zu viel - genau richtig eben. Statt dessen geht es schnell wieder Richtung Humor weiter, das finde ich gut:

„Wie hübsch”, murmelte Thiel und unterdrückte ein Schaudern. Da konnte er ja froh sein, dass Boerne ihm stattdessen kleine bemalte Holzfigürchen als Christbaumschmuck geschenkt hatte. Mit denen würde sein eigener Weihnachtsbaum sicherlich viel schöner aussehen.
*grin* - sowohl wegen Thiels Schaudern als auch wegen seines unvermittelten Konkurrenzdenkens. Eigentlich macht er das Weihnachtsprogramm ja nur pflichtgemäß mit, aber sein Baum soll trotzdem schöner werden als Boernes ;)

Das Ende ist schlicht perfekt. Wegen des Inhalts, na klar, aber auch perfekt geschrieben - auch hier wieder, ohne ins Kitschige zu rutschen. Dazu bleibt den beiden gar keine Zeit, weil Thiel ja wieder in die Küche hetzen muß und Boerne schon mal die Kerzen anmacht ... Und damit ist das Einsamkeitsproblem wenigstens für die Feiertage gelöst :)

Edited at 2011-12-15 04:50 pm (UTC)
Zum dritten oder vierten Mal? Das ist ja schön. Vielen Dank!

Eigentlich ist der Text ja eher beschaulich als komisch

Es war natürlich genau anders herum geplant, aber ich habe schon beim Schreiben gemerkt, dass das nicht klappt. Aber ich freue mich, wenn noch ein paar Lacher möglich sind.

gingen mir doch andere Gedanken durch den Kopf

Nee, solche Gedanken wollte ich mit dem Satz aber bei dieser Geschichte nicht schüren. ;)

ohne ins Kitschige zu rutschen.

Schön zu wissen, da ich Kitsch zu Weihnachten zwar durchaus mag, aber diese Geschichte tatsächlich nicht allzu kitschig werden sollte.
> Er würde „Stirb langsam” gucken
Haha, das gehört aber auch schon irgendwie zu Weihnachten dazu! :D

> „Bis zum …? Herrje, jetzt sagen Sie nicht, das ist so eine Art Adventskalender?”
> Boerne guckte ihn erstaunt an. „Aber natürlich. Was dachten Sie denn?”
> Thiel wurde rot. Eigentlich hatte er sich gar nichts gedacht, sondern die unerwartete Geschenkeflut als eine von Boernes Exzentrizitäten abgetan. „Äh ...”

Das ist irgendwie sehr IC von Thiel: Gar nicht über einen tieferen Sinn nachdenken - schließlich sprechen wir von Boerne!

> Nur die Packung Spekulatius hatte er bereits angebrochen, sodass sie nun einen leicht würzigen Duft verströmte.
Hmmm... den Duft mag ich auch! :)

Wie du die beiden leisen Stellen - die Erinnerung an Weihnachten mit Susanne und Lukas und natürlich die CD - in die sonst lustig-fröhliche Geschichte eingeflochten hast, hat mir sehr gut gefallen, wie wohl vielen. Und dass du dafür gesorgt hast, dass die beiden Weihnachten nicht allein verbringen müssen, war natürlich wichtig. Einfach schön, der Schluss! :)
Vielen Dank!

Es freut mich, dass die etwas melancholischeren Stellen sich anscheinend gut in die Geschichte einfügen. Und natürlich häte ich die beiden nicht allein feiern lassen. :)