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Bevor heute Abend der neue Film kommt

Den Titel und die Inhaltsangabe dieser Geschichte habe ich aus dem gleichnamigen Lied von Roland Kaiser geklaut. Die Handlung ist von mir. :)


Titel: Manchmal möchte ich schon mit dir
Inhalt: Manchmal möchte ich schon mit dir eine Nacht das Wort „Begehren“ buchstabieren ...
Länge: ca. 1750 Wörter
Genre: Humor, Crack, Slash
Rechtserklärung: Thiel und Boerne gehören dem WDR. Ich habe sie mir nur mal kurz ausgeliehen.



Manchmal möchte ich schon mit dir


Thiel starrte auf die Buchstabensteine auf dem Bänkchen vor sich auf dem Tisch. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sich daraus ein Wort bilden ließ, aber die Lösung schien ihm immer wieder zu entwischen.

„Meinen Sie, das wird heute Abend noch etwas?“, fragte Boerne von der anderen Seite des Tisches, und Thiel unterdrückte ein Knurren.

Wenn er doch nur … Genau! Ein Lächeln konnte Thiel sich nun doch nicht ganz verkneifen, als er das Wort Indiz aufs Spielbrett legte. „Sechzehn Punkte“, sagte er nach kurzem Zählen und notierte die Zahl auf dem Zettel neben sich.

Mit einem kaum verhohlenen Stirnrunzeln blickte Boerne ihn an, bevor er zwei seiner Steine in den Stoffbeutel legte und zwei neue heraus nahm. Sein Stirnrunzeln wurde ausgeprägter.

Auch Thiel tauschte einige seiner Steine aus und platzierte sie auf seinem Bänkchen, während Boerne wieder in den Beutel griff.

Es hatte scheinbar ganz harmlos angefangen. Nachdem sie in den letzten Wochen öfter Schach gespielt hatten und Boerne sich nie so recht damit abgefunden hatte, dass er dabei meist Thiel unterlag, hatte Boerne an diesem Abend eine alte Pappschachtel auf seinen Wohnzimmertisch gestellt. „Schach können wir ja beim nächsten Mal wieder spielen“, hatte er gesagt und währenddessen das Scrabble-Spielbrett aufgebaut.

Die erste Runde hatte Thiel knapp für sich entschieden. Er hatte das Spiel so lange nicht mehr gespielt, dass er sich erst wieder ein bisschen einfinden hatte müssen, und Boerne schien es ebenso gegangen zu sein. Meist waren ihnen nur kurze einfache Wörter wie Auto, Stift, Tür und Sonne eingefallen, bis er Boerne mit dem Wort Telefon hatte überrunden können.

Jetzt hatten sie die zweite Runde begonnen, und Boernes Gesichtsausdruck machte deutlich, dass auch diese bisher nicht nach seinen Vorstellungen verlief.

Denn erst als Boerne vorhin schon zum zweiten Mal einen medizinischen Begriff – Aorta – gebildet und ihn dabei triumphierend angesehen hatte, war Thiel bewusst geworden, dass sich Boerne eingebildet hatte, dass er Thiel mit Leichtigkeit übertrumpfen würde.

Aber so einfach würde er nicht klein beigeben. Im Moment lag er nur dreiundzwanzig Punkte zurück.

Er ignorierte Boernes ungeduldiges Fußwippen und blickte so lange zwischen seinen Buchstaben, von denen er erneut einige gewechselt hatte, und dem Spielbrett hin und her, bis er eine Möglichkeit zum Anlegen gefunden hatte.

Alibi.

Schließlich war es ja nicht so, als ob es in seinem Beruf nicht auch Fachbegriffe gab, dachte er, als er wieder die Punkte für sich aufschrieb. Die Begriffe waren halt nur nicht so angeberisch wie die von Boerne.

Dem war nun aber anscheinend das Glück wieder hold, denn mit großer Geste platzierte er mehrere Steine auf dem Spielbrett. Retina. „Neunzehn Punkte! Schreiben Sie das auf, Thiel.“

Damit war Thiels Rückstand wieder gewachsen. Hoffnungsvoll tauschte er ein paar seiner Steine aus, aber für mehr als einige Zungenbrecher waren die Buchstaben nicht zu gebrauchen.

Hin und her ging das Austauschen von Buchstaben zwischen ihm und Boerne, und Thiels einziger Trost war, dass nun auch Boerne offensichtlich in einer Sackgasse steckte. Immer schneller griffen sie abwechselnd in den Beutel mit den Steinen, sodass Thiel anfing, sich zu fragen, ob einer von ihnen es überhaupt noch merken würde, wenn er nun doch ein Wort bilden konnte.

Da! Thiel hielt inne und betrachtete die Buchstaben vor sich genauer. Na endlich! Geradezu erleichtert legte er das Wort Justiz.

Doch es war wie verhext. Kaum hatte er es geschafft, ein Wort zu finden, zog Boerne sofort nach, sodass der Punkteabstand zwischen ihnen praktisch gleich groß blieb.

Tibia.

Glücklicherweise wusste Thiel diesmal schnell eine Antwort darauf.

Motiv.

Fraktur!

Holster!

Ihr Spiel entwickelte sich mehr und mehr zu einem regelrechten Duell. Worte hatten sie schon lange keine mehr gewechselt; ihre Getränke standen unangetastet auf dem Tisch, und nachdem Thiel vor einigen Minuten seine Ärmel hochgekrempelt hatte, lockerte Boerne jetzt seine Krawatte.

Dann nahm Boerne einige Steine von seinem Bänkchen und legte sie auf dem Spielbrett an.

Lumbus.

Was sollte–? „Das haben Sie jetzt aber erfunden!“, platzte es aus Thiel heraus. Bisher hatte er alle Wörter gekannt, die Boerne gebildet hatte, aber das hier war ihm noch nicht bei den vielen Autopsien Boernes untergekommen.

Boerne guckte ihn an, die Augenbrauen vorwurfsvoll zusammengezogen. „Thiel, glauben Sie wirklich, ich hätte es nötig zu schummeln?“

„Und was soll das dann bitte schön sein?“, entgegnete Thiel. Boernes Frage zu beantworten erübrigte sich, denn er wusste nur zu genau, dass Boerne vor Tricksereien nicht zurückschreckte, wenn er unbedingt den Sieg davon tragen wollte.

„Das ist die Lende, Thiel.“

„Die Lende?“

„Sie wissen doch wohl, was die Lende ist? Ohne muss ich Sie Ihnen zeigen?“ Boerne sah so aus, als ob er sich tatsächlich erheben wollte.

„Nee, nee, schon gut“, wehrte Thiel ab.

Boerne sah ihn für einen langen Moment an. Schließlich sagte er: „Dann sind Sie jetzt wieder am Zug. Aber vorher schreiben Sie noch meine Punkte auf.“

Zähneknirschend notierte Thiel eine Zweiundzwanzig für Boerne, bevor er in den Beutel griff und drei seiner Steine austauschte.

Zwei, drei Mal wechselten sie sich ab, aber dann konnte Boerne schon wieder ein Wort legen. Pelvis. „Das ist das Becken“, fügte er in einem demonstrativ hilfreichen Tonfall hinzu.

„Das weiß ich auch.“ Thiel starrte ihn über den Tisch hinweg erbost an. „Ihre Wörter werden langsam einseitig, finden Sie nicht?“

Wieder richtete Boerne seinen durchdringenden Blick auf ihn. „Es liegt wohl kaum in meiner Hand, welche Buchstaben ich ziehe, Thiel“, antwortete er, aber da war irgendetwas in seinem Tonfall, das Thiel zu suggerieren schien, dass Boerne die Wörter vielleicht doch bewusst gewählt hatte.

Davon sollte er sich allerdings nicht ablenken lassen. Stattdessen sollte er alles daran setzen, seinen Rückstand nicht noch größer werden zu lassen, dachte er, und schon beim nächsten Mal zog er die entscheidenden Steine, um ein paar Punkte gut zu machen.

Kripo.

Er hatte das O noch nicht platziert, als Boerne schon rief: „Das ist eine Abkürzung, und Abkürzungen sind nicht erlaubt.“

„Unsinn! SEK oder LKA sind Abkürzungen. Kripo ist ein … richtiges Wort … quasi.“

„Sehr überzeugend argumentiert, Thiel.“ Boerne lächelte. „Daher gönne ich Ihnen Ihre mickrigen fünfzehn Punkte.“

Thiel merkte, wie ihm plötzlich das Blut in den Kopf stieg. Dieses scheinbar großzügige Lächeln, diese Augen, die ihn siegesgewiss anblickten … am liebsten würde er … würde er Boerne … Thiel atmete tief durch. Es war ihm unbegreiflich, wie Boerne es schaffte, ihn bei einem Gesellschaftsspiel dermaßen zu reizen, aber darüber musste er wohl ein anderes Mal nachdenken. Jetzt ging es nur darum, sich nicht noch weiter von Boerne aus der Ruhe bringen zu lassen. Er füllte sein Bänkchen wieder auf und gab Boerne ein Zeichen, dass er nun am Zug sei.

Und nur kurz danach hatte Boerne doch tatsächlich erneut ein Wort zusammen. Ganz langsam, als warte er auf eine Reaktion Thiels, legte er seine Steine an zwei Steine an, die bereits auf dem Brett lagen.

Begehren.

„Das ist jetzt aber kein–“ … medizinischer Fachbegriff, wollte Thiel sagen, aber als er aufblickte und in Boernes Gesicht sah, versagte ihm die Stimme. Denn in Boernes Augen lag ganz eindeutig eine Herausforderung. Eine Herausforderung, von der Thiel sich nicht sicher war, ob sie sich nur auf ihr Spiel bezog oder vielleicht auch noch auf etwas anderes.

Auf jeden Fall würde er Boerne nicht den Gefallen tun und jetzt einen Rückzieher machen. Obwohl er mit einem Blick auf sein Bänkchen feststellte, dass das leichter gesagt als getan war. Was sollte er bloß mit einem Q? Er besah sich seine Buchstaben noch einmal genauer. Vielleicht wenn er diesen Stein mit ein wenig Glück eintauschen könnte? Ja! Nachdem auch Boerne noch einmal Steine ausgetauscht hatte, legte Thiel mit einem zufriedenen Grinsen sein Wort auf das Spielbrett.

Quickie.

Doch sobald er den letzten Buchstaben abgelegt hatte, fragte Thiel sich, ob er womöglich doch etwas zu unüberlegt reagiert hatte. Während er seine Punktzahl notierte, sah er aus den Augenwinkeln zu Boerne hinüber, aber der nahm Thiels Wort kommentarlos zur Kenntnis. Nur seine Pupillen schienen sich für einen Moment zu weiten, aber dann war der Eindruck auch schon wieder verflogen.

Sie spielten weiter, und nur wenige Minuten darauf konterte Boerne mit dem Wort Erotik. Also hatte er Boernes Herausforderung offensichtlich richtig interpretiert, dachte Thiel.

Nur etwas später folgte er mit dem Wort Kuss und direkt danach mit dem Wort Jungfrau. Fünfzehn und siebenundzwanzig Punkte waren das für ihn. Damit hatte er Boerne so gut wie eingeholt, freute er sich, und bemerkte erst, als er wieder von seinem Zettel hochblickte, dass Boerne ihn merkwürdig ansah.

„Jungfrau, Thiel? Damit wollen Sie mir aber nicht etwas sagen, oder?“

„Was? Quatsch!“ Thiel lachte auf bei diesem abwegigen Gedanken. Aber er konnte nicht verhindern, dass ihm wieder die Röte ins Gesicht stieg. Langsam drängte sich ihm der Eindruck auf, dass ihm das Spiel ein wenig entglitt, obwohl es ihm zugleich absurd vorkam, so etwas über ein Scrabble-Spiel zu behaupten.

Aber er hatte keine Zeit, weiter darüber zu sinnieren, denn Boerne griff schon wieder in den Stoffbeutel, um einige seiner Steine auszutauschen.

Dann ging es zwischen ihnen Schlag auf Schlag.

Libido.

Coitus.

Blowjob!

Orgasmus!

Thiel strich sich über die Stirn, nachdem er das S angelegt hatte. Es war unerträglich warm in Boernes Wohnzimmer geworden, und er überlegte, ob er seinen Pullover ausziehen sollte, als Boerne plötzlich sagte: „Sieben Buchstaben plus Bonusprämie. Das macht siebenundsechzig Punkte für Sie, Thiel.“ Seine Stimme klang eigentümlich – heiser und ein bisschen atemlos –, und es dauerte einen Moment, bis die Bedeutung seiner Worte zu Thiel durchdrang.

Er guckte Boerne verlegen an, denn an ihre Punkte hatte er gar nicht mehr gedacht. Boernes Miene verriet ihm allerdings, dass auch er nicht mehr wirklich an ihrem Punktestand interessiert war.

Seine Augen leuchteten, und er wirkte ebenfalls ein wenig erhitzt.

Sie sahen sich an. Keiner schien den Blick von dem anderen lösen zu können, und die Temperatur im Zimmer stieg noch weiter an, bis sich Boerne schließlich doch wieder den Buchstaben vor sich auf dem Tisch zuwandte.

Automatisch wechselte auch Thiel ein paar seiner Steine aus, aber er registrierte kaum, welche neuen Buchstaben er zog.

Stattdessen betrachtete er Boerne, der jetzt drei Steine in der Hand hielt, die er ganz bedächtig anlegte. Dabei guckte er immer wieder zu Thiel anstatt auf das Brett, als wollte er sicher gehen, dass Thiel ihn dabei nicht aus den Augen ließ.

Bett.

Ihre Blicke trafen sich, und Thiel stand abrupt auf. Dass er dabei gegen den Tisch stieß, sodass durch den Ruck alle Buchstaben auf dem Spielbrett verrutschten, kümmerte ihn allerdings nicht mehr.
Tags: fanfic, tatort münster
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